Das Seelenleid wegmalen
Was genau ist Ergotherapie?
Hänsch: Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß Handlung, Arbeit und Aktivität – wieder „in Gang kommen“. In der Praxis bedeutet das, dass die Ergotherapie immer handlungsorientiert arbeitet. Sie holt den Klienten dort ab, wo er gerade ist und spannt den Bogen zu Tätigkeitsbereichen, die von der Selbstversorgung über Freizeitaktivitäten bis zur Arbeit reichen.
Für wen eignet sich Ergotherapie?
Hänsch: Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und umfassen motorisch-funktionelle, sensomotorische und neuropsychologische Störungen. Auch bei psychischen Erkrankungen wird Ergotherapie mit großem Erfolg eingesetzt, bei uns auch bei Demenz im Frühstadium.
Was bringt Ergotherapie bei psychischen Erkrankungen?
Hänsch: Sie aktiviert und soll den Klienten dort begleiten und fördern, wo er Stärkung und Stabilität benötigt. So kann mit Hilfe der Ergotherapie z.B. der Tagesrhythmus neu aufgebaut oder stabilisiert werden. Dazu muss der Klient seine Ressourcen erkennen, aktivieren und, wenn möglich, auch erweitern.
Wie funktioniert das genau?
Hänsch: Nachdem die Problemstellungen geklärt sind, wird ein Therapieplan mit überschaubaren Zielen formuliert. In Gruppen- und Einzelsitzungen werden verschiedene Handlungstechniken angewandt, je nach Zielsetzung. Dabei wird u.a. mit verschiedenen Materialien gearbeitet, z.B. Papier, Holz, Stein, Ton, Stoff oder Farben. Ebenso kann auch Einkaufs- und Kochtraining für den Alltag ein Thema sein.
Das klingt sehr künstlerisch und kreativ?
Hänsch: Kreativmaterialien helfen als Medium, durch das der Klient sich selbst in der Handlung wieder neu spüren und einen verbesserten Selbstwert durch Erfolgserlebnisse erlangen kann. Das kann dazu führen, dass er wieder an sich und seine Fähigkeiten glauben kann. Es kommen dabei meist gruppentherapeutische Aspekte hinzu. Auch Kunsttherapie kann in vielen Einzelfällen hilfreich sein.
Wie unterscheidet sich diese vom Kreativen in der Ergotherapie?
Hänsch: Die verwendeten Materialien sind ähnlich. Der Unterschied ist, dass die Ergotherapie nicht aufdeckend arbeitet. Das heißt, dass bei einem entstehenden Produkt nicht weiter gedeutet wird. Was entsteht, das entsteht. Dieses Produkt steht dann für sich.
In der Kunsttherapie ist das anders?
Hänsch: Die Kunsttherapie macht innere Prozesse durch Materialien und Medien der bildenden Kunst sichtbar. Bei Bereitschaft des Klienten geht sie weiter in die Tiefe. Es werden z. B. einzelne Aspekte einer bildhaften Darstellung genauer angeschaut und reflektiert. So können bisher im Verborgenen schlummernde Lösungsmöglichkeiten auftauchen oder es können sich Problemstellungen in einem neuen Licht zeigen. Die neuen Sichtweisen und Aspekte können sich dann sehr hilfreich auf das Alltagleben des Klienten auswirken.
Warum ist diese Therapie bei psychischen Erkrankungen sinnvoll?
Hänsch: Künstlerische Medien können helfen insbesondere Traumata, die im Laufe eines Lebens erlitten wurden, anzuschauen. Das kann dazu beitragen, überhaupt erst einmal darüber reden zu können und in der Folge das Erlebte in ertragbare Prozesse umzuwandeln.
Bei welchen psychischen Störungsbildern eignet sich Kunsttherapie?
Hänsch: Eigentlich für alle Krankheitsbilder der psychischen Erkrankungen: schizophrene- und affektive Psychosen wie Depression und Manie, Persönlichkeitsstörungen wie z.B. die Borderline-Störung und auch neurotischen Störungen wie z. B. Angststörung, ebenso das Bild des Burn-Out-Syndroms. Dies gilt auch für die Ergotherapie.
Wer bietet Kunsttherapie bei psychischen Erkrankungen an?
Hänsch: Die Sozialpsychiatrischen Dienste des aks bieten Ergotherapie an den Außenstellen Götzis und Bludenz an, in Egg und Dornbirn wird die Ergotherapie in Verbindung mit Kunsttherapie angeboten. Die Zuweisung zu den Angeboten des aks erfolgt durch einen Arzt / eine Ärztin mittels Reha-Schein.
