Stigmatisierung - Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen
Was ist Stigmatisierung?
Waldner: Jemanden brandmarken, anprangern, jemandem bestimmte, von der Gesellschaft als negativ bewertete Merkmale zuordnen, jemanden in diskriminierender Weise kennzeichnen.
Wie sehen diese Vorurteile bzw. Diskriminierung aus?
Waldner: Viele Menschen sind immer noch davon überzeugt, dass Schizophrenie nicht behandelbar oder gar ansteckend ist. Das Bild, dass psychisch Erkrankte gefährlich und nicht mehr im Stande sind klar zu denken, besteht immer noch. Viele dieser Annahmen entstehen durch Unwissen und Verallgemeinerung. Psychische Erkrankungen sind in der Regel jedoch gut behandelbar.
Inwieweit nehmen die Medien Einfluss auf das Bild eines "Psychisch Kranken"?
Waldner: Bei der Berichterstattung von Massenmedien, wird der Täter meist schon vor einer medizinischen Abklärung als "vermutlich geistesgestört" betitelt. Doch auch in Spielfilmen werden psychisch Kranke Menschen oft auf ein negatives Klischee, wie das eines Irren, reduziert. Solche Bilder bleiben natürlich in den Köpfen der Menschen hängen und fördern ein diskriminierendes Verhalten.
Wie wirkt sich diese "Brandmarkung" auf die Betroffenen aus?
Waldner: Oft akzeptieren die Betroffenen irgendwann diese Vorurteile. Gedanken wie "Ja, ich bin schwach und unfähig für mich selbst zu sorgen, weil ich psychisch krank bin", führen auf Dauer zum Verlust des Selbstwertes, ebenso verlieren betroffene Menschen dann den Glauben an eine Selbstwirksamkeit. Dies führt zu sozialem Rückzug und zu Isolation.
Die Furcht der "Stigmatisierung" kann sogar soweit führen, dass Betroffene eine Behandlung nicht in Anspruch nehmen wollen, um nicht ettiketiert zu werden.
Wo findet diese Etikettierung noch statt?
Waldner: Im sozialen Umfeld, durch die Gesetzgebung und vor allem im Berufsleben. Oftmals werden Betroffene schon aufgrund ihrer Krankheit aus dem Bewerberkreis ausgeschlossen.
Sie haben gerade die Familie erwähnt. Wie leidet diese darunter?
Waldner: Ebenso wie die Betroffenen selbst, werden häufig auch die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen von der Gesellschaft gemieden und haben mit den Vorurteilen zu kämpfen. Daraufhin reagieren viele Familienmitglieder mit Scham und Rückzug, stellen sich fragen wie "Bin ich schuld an der Erkrankung?" oder "Haben wir zuwenig getan?".
Was können Angehörige in so einem Fall tun?
Waldner: Sie sollten sich zuerst Informationen über die Krankheit verschaffen. Zum Beispiel in der Angehörigengruppe HPE. In organisierten Kontaktcafes erhalten die Angehörigen Informationen, können sich dabei austauschen und erfahren wertvolle Unterstützung.
Auch die Einbindung von Angehörigen in einen Betreuungsprozess kann hier viele Fragen beantworten und Unsicherheiten auflösen.
Für Kinder von Eltern mit einer psychischen Erkrankung bietet der aks das Projekt "Kiesel" an. Die Kinder haben in einer kleinen Gruppe die Möglichkeit, offen mit Gleichaltrigen über ihre spezielle Situation und über ihre besonderen Herausforderungen zu sprechen, Wünsche sowie Ängste zu äußern. Am wichtigsten ist es jedoch diesen ersten Schritt zu wagen!
Wie können nun diese Vorurteile abgebaut werden?
Waldner: Hier helfen Informations- und Aufklärungsveranstaltungen. Gemeinsam mit der Angehörigengruppe HPE sowie der Betroffenenvertretung omnibus veranstaltet der aks die Vortragsreihe "Von der Seele reden". Fachleute, Betroffene, Angehörige aber auch Interessierte begegnen sich hierbei auf einer Augenhöhe und können ihr fachliches Wissen, ihre Erfahrungen oder aber auch ihre Bedenken mitteilen. So können effektiv und allmählich die Vorurteile und Ängste gegenüber psychischen Erkrankungen abgebaut werden.
Factbox
Veranstaltungen "Von der Seele reden" 2012
13. März 2012 - Arbeit und Arbeitsplatz
10. April 2012 - Sozialpsychiatrie heute
8. Mai 2012 - Stigma...Drehen wir uns im Kreis?
12. Juni 2012 - Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie
10. Juli 1012 - Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie - ein Widerspruch?
Jeweils um 19.30 Uhr im Impulszentrum Egg, Gerbe 1135, 6863 Egg.
Der Eintritt ist kostenlos!
