Wenn Eltern mit Säuglingen oder Kleinkindern überfordert sind
Gehören gewisse Anfangsschwierigkeiten nach der Geburt eines Kindes nicht selbstverständlich dazu?
Werner: Ja, Schwierigkeiten in der neuen Lebensphase einer jungen Familie gehören dazu, doch viele Eltern lernen sehr schnell und gut mit den neuen Herausforderungen umzugehen. Bei anderen dauert es jedoch länger oder alles gestaltet sich komplexer und damit schwieriger. Diese Eltern leben mitunter wochenlang sehr einsam in extremen Belastungssituationen.
Welche Belastungssituationen meinen Sie damit?
Werner: Dies können auf der einen Seite besondere Bedürfnisse des Säuglings sein, z.B. bei Schreibabys, Frühgeburten, Mehrlingsgeburten oder kranken Kindern. Diese Kinder benötigen sehr viel mehr an Aufmerksamkeit und Feinfühligkeit. Auf der anderen Seite können schwerwiegende finanzielle Sorgen, enge Wohnraumverhältnisse, Gewalt in der Partnerschaft und vieles mehr zu einer enormen zusätzlichen Belastung führen.
Wie wirkt sich das aus?
Werner: Die intuitiven elterlichen Fähigkeiten können an ihre Grenzen geraten, blockiert sein oder oft auch gar nicht ausreichend vorhanden sein. Dies kann eben durch die Überforderung entstehen oder an der Familiengeschichte der Eltern liegen. Die scheinbar unstillbaren Bedürfnisse des Säuglings können bei den Eltern zu Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit führen. Dagegen wehren sich viele Eltern und manche wenden sich sogar enttäuscht vom Kind ab. Dadurch kann die elterliche Fürsorglichkeit sehr schnell stark beeinträchtigt sein.
Gibt es hier eine Lösung?
Werner: Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, welches übersetzt lauten könnte: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen und stark zu machen.“ Doch in unserer heutigen Zeit glauben viele Menschen alles alleine schaffen zu müssen und haben eine unbegründete Scheu, Hilfe anzunehmen.
Ist es somit auch Aufgabe des „gesamten Dorfes“ auf die Kinder zu achten?
Werner: Ja, genau. Sehr viele Verwandte, Bekannte oder Nachbarn schimpfen über überforderte Eltern, statt dass sie ihnen ihre Hilfe anbieten. Damit steigt nochmals der Druck in der Familie, es einfach alleine schaffen zu müssen.
Was gibt es für Möglichkeiten, wenn jemand etwas auffällt?
Werner: Auf der einen Seite ist es ganz wichtig, dass hingeschaut wird. Viele Eltern sind sehr froh, wenn ihr Dilemma endlich gesehen wird und sie zugleich Hilfe angeboten bekommen. Auf der anderen Seite können einfache nachbarschaftliche Dienste, wie z.B. einmal mit dem Baby spazieren gehen, hilfreich sein. Wenn jedoch abzusehen ist, dass die Familie aus dieser Überforderung gar nicht mehr heraus kommt, dann ist professionelle Hilfe wichtig.
Welche Art der professionellen Hilfe gibt es in Vorarlberg?
Werner: Sich in einer Krisensituation zurechtzufinden und genau zu wissen, wohin man sich wenden kann, ist oft nicht ganz einfach. Wir haben hier in Vorarlberg ein gut ausgebautes Netzwerk an sozialen Hilfsangeboten. Unter anderem bietet NETZWERK FAMILIE, eine Initiative der aks Gesundheitsvorsorge, des Vorarlberger Kinderdorfes und der Vbg. Kinder- und JugendärztInnen bedarfsorientierte Unterstützung an und begleitet Familien mit Säuglingen und Kleinkindern in schwierigen Situationen.
