Das Gehirn ist unser „Steuermann“
Wie lassen sich diese Funktionen beschreiben?
Fitz: Als „Exekutive Funktionen“ bezeichnet man in der Gehirnforschung geistige Fähigkeiten, die das menschliche Denken und Handeln steuern. Die Fähigkeiten, sich zu beruhigen, seine Aufmerksamkeit zu lenken bzw. Informationen zu speichern und mit den gespeicherten Informationen zu arbeiten, werden vom Stirnhirn gesteuert.
Trifft dies auch auf das Gehirn von Kindern zu?
Fitz: Die Steuerzentrale des Gehirnes ist erst bei jungen Erwachsenen voll ausgebildet.
Geistige Funktionen beeinflussen bereits im Kindes- und Jugendalter die
Lernleistung und die sozial-emotionale Entwicklung. Daher ist es wichtig, schon sehr früh darauf zu achten. Forschungen zeigen, dass sie besonders wichtige Faktoren für den Schulerfolg sind.
Wie wirkt es sich aus, wenn diese Funktionen bei Kindern nicht oder zu wenig gut ausgebildet sind?
Fitz: KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen nehmen immer häufiger Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern wahr. Vielen Kindern fällt es schwer, sich unter Kontrolle zu haben. Sie schaffen es nicht, sich in eine Gruppe einzuordnen und reagieren oft unbeherrscht oder unangemessen. Sie lassen sich leicht ablenken, wollen ihre Wünsche sofort erfüllt haben und sind schnell frustriert.
Woran erkennt man Kinder, die in diesem Bereich gut entwickelt sind?
Fitz: Kinder, die über gut entwickelte Steuermechanismen verfügen, haben mehr Selbstdisziplin und Ausdauer. Diesen Kinder fällt es beispielsweise leichter, den Fernseher nicht einzuschalten, sondern mit den Hausaufgaben zu beginnen, oder einen Konflikt mit Worten zu führen, statt ihn mit den Fäusten auszutragen.
Sie meinen, diese Kinder leben „gewaltfreier“?
Fitz: Ja, auf jeden Fall. Die Fähigkeit zur Selbstregulation hemmt den Impuls „zuzuschlagen“ und lässt uns darüber nachdenken, wie wir einen Konflikt auf „bessere“ Weise lösen können. Dabei sind natürlich auch Gedächtnisfunktionen von Bedeutung. Nur wenn ich in meinem Gehirn sinnvolle Konfliktlösungsstrategien gespeichert habe, kann ich schnell darauf zurückgreifen.
Wie und wann entwickeln sich diese Funktionen?
Fitz: Das exekutive System beginnt sich ab dem Alter von 2,5 bis 3 Jahren sehr schnell
zu entwickeln. Zwischen 3 und 7 Jahren kommt es zu einer weiteren deutlichen Verbesserung der emotionalen Kontrolle und des Arbeitsgedächtnisses. Kinder können jetzt auch immer besser den Blickwinkel anderer Personen einnehmen, die Welt aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Dieser Entwicklungsprozess dauert dann bis Mitte 20 und kann durch Übung gefördert werden.
Wofür wird das „Arbeitsgedächtnis“ benötigt?
Fitz: Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht uns, Informationen vorübergehend zu speichern.
Wir benötigen es beispielsweise beim Lösen von Kopfrechenaufgaben, indem wir uns an die errechneten Zwischenergebnisse erinnern und die nachfolgenden Rechenoperationen durchführen. Besonders beim Lernen von Fremdsprachen ist ein gutes Arbeitsgedächtnis unerlässlich.
Wie kann die geistige Entwicklung von Kindern im Alltag gefördert werden?
Fitz: Auf jeden Fall durch Spiel und Spaß und mit dem aktiven Nutzen möglichst aller Sinne. Bewegungsspiele, bei denen Regeln beachtet werden müssen, Spiele mit Gleichaltrigen, bei denen man auch einmal warten muss sowie Denk- und Strategiespiele. Auch Tischspiele mit den Eltern und Geschwistern zuhause, oder einfach nur gemeinsame Gespräche zu den verschiedensten Themen fördern die geistige Entwicklung. Hilfreich ist auch, wenn Kinder zuhause mithelfen, Einkaufslisten mit der Mama erstellen, Schubladen sortieren,… die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.
