Integration – eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft
Was bedeutet Integration?
Pollak: Der Begriff Integration meint ganz allgemein die Eingliederung von Menschen, die sich von den meisten anderen Menschen unterscheiden (z.B. eben durch eine Behinderung) in die bestehende Gesellschaft. Das heißt, sie sollen die Möglichkeit haben, am täglichen Leben, in Kindergarten, Schule, Arbeit und Freizeit teil zu nehmen wie alle anderen auch.
Wurde darüber früher anders gedacht?
Pollak: Ja. In Österreich gibt es Bemühungen in diese Richtung offiziell erst seit den siebziger Jahren. Davor war es im Großen und Ganzen selbstverständlich „Behinderte“ als minderwertige Außenseiter zu behandeln – Ausnahmen hat es natürlich immer gegeben. Der fatale Höhepunkt war während des Nationalsozialismus, als Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Behinderungen als unwertes Leben betrachtet und planmäßig getötet wurden.
Sind die behinderten Menschen bei uns jetzt integriert?
Pollak: In den meisten Kindergärten und vielen Schulen in Vorarlberg werden für Kinder mit Behinderung schon die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen, damit sie gemeinsam mit den Gleichaltrigen aus ihrer Wohnumgebung lernen können, z.B. durch zusätzliches Personal oder entsprechende Einrichtung. Auch spezielle Arbeitsstellen für Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung werden eingerichtet. Für viele Familien ist es aber ein harter Kampf, bis sie für ihre Kinder/Angehörigen einen solchen Platz bekommen. Nicht allen, die das wollen, gelingt es auch.
Wie sieht das im Alltagsleben aus?
Pollak: Aus dem öffentlichen Leben sind Menschen mit Behinderung hierzulande vielfach noch immer ausgeschlossen. Bordsteinkanten, Bahnsteige, Eingänge zu Geschäften oder öffentlichen Gebäuden stellen für Menschen mit einer körperlichen oder Sinnesbehinderung oft schwer zu überwindende Hindernisse dar. Auch für Eltern oder andere begleitende Personen kann so etwas ein erhebliches Problem in der Alltagsbewältigung sein. Als RollstuhlfahrerIn einen guten Platz bei einer Veranstaltung zu bekommen, ist meist schwierig oder gar unmöglich. Ganz zu schweigen von einer Wahlmöglichkeit. Sie müssen dort sitzen, wo sie am wenigsten stören.
Gibt es integrative Freizeitangebote?
Pollak: Ja, solche gibt es immer mehr, z.B. in Theater- Tanz oder Musikgruppen, im Sport, bei den Pfadfindern oder integrative Treffen im Café. Diese Angebote sind für Menschen mit und ohne Behinderung sehr wichtig und sollten von uns allen tatkräftig unterstützt werden. Hier können wir gegenseitig den „normalen“ Umgang miteinander lernen, der momentan den meisten noch schwer fällt.
Woran liegt das?
Pollak: Es ist schwer, mit Personen umzugehen, die anders aussehen, sich anders verhalten, anders kommunizieren oder anders reagieren als wir es gewohnt sind. Man muss sich einstellen auf das, was an dieser Person anders ist. Das kostet Mühe und Zeit. Und es kann auch peinlich sein, dabei beobachtet zu werden.
Was sind Voraussetzungen, damit eine solche Integration gelingen kann?
Pollak: Die wichtigste Voraussetzung ist, dass sich unsere innere Einstellung verändert. Wir müssen Menschen mit Behinderung als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkennen und schätzen. Unser Mitleid, das in den Medien so oft angesprochen wird, um Spendengelder zu bekommen, ist dafür nicht hilfreich. Bei Bau und Einrichtung von Straßen, Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden, Gaststätten u.a. muss von vornherein darauf geachtet werden, dass sie auch von Menschen mit Behinderung benutzt werden können.
Ist Integration immer und für jeden Menschen mit Behinderung das Beste?
Pollak: Wesentlich ist, dass jeder Mensch, mit oder ohne Behinderung, in der Gesellschaft die gleiche Wertung erfährt. Jede/r muss die gleiche Chance haben in seiner/ihrer Umgebung selbstbestimmt und integriert zu leben. Das schließt aber nicht aus, dass Einzelne ein besonders gestaltetes Umfeld in einer spezialisierten Einrichtung brauchen oder wollen, um sich wohl zu fühlen.
